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Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus 

Shoshana Zuboff rechnet mit Big Other ab, dem neoabsolutistischen Regime von Google & Co

Big Brother schaut dir zu. Und nicht nur das – längst bedrohen neue Methoden der Verhaltensauswertung und -manipulation unsere Freiheit. In ihrem neuen Buch „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ wirft die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff einen kritischen Blick auf die neuen Märkte, auf denen Menschen nur noch Quelle eines kostenlosen Rohstoffs sind: LieferantInnen von Daten. Kann die Politik die wachsende Macht der High-Tech-Giganten zügeln und neue Formen sozialer Ungleichheit minimieren – oder ist Widerstand ohnehin zwecklos?

Übersetzung: Bernhard Schmid
Verlag: Campus
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 727 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2018
Preis: € 30,80

 

Was ist Überwachungskapitalismus?

 

Rezension aus FALTER 41/2018

Die Hunde der Dreistigkeit
Wirtschaft: Shoshana Zuboff rechnet mit Big Other ab, dem neoabsolutistischen Regime von Google & Co

Dieses Buch ist ein Hammer. Nicht nur, weil es mehr als 700 mit nicht eben riesigen Lettern bedruckte Seiten umfasst und satte 1,2 Kilogramm wiegt. Nicht nur, weil die deutsche Fassung ungewöhnlicherweise vor der englischen erscheint (der Verlag war schneller in der Produktion). Nein, dieses Buch ist ein Hammer, weil es unser Zeitalter auf einen Begriff bringt: Wir leben im Überwachungskapitalismus. Hier wird dieser Begriff in so vielen Facetten ausgeleuchtet wie in keinem anderen mir bekannten Werk zum Thema.

Shoshana Zuboff, eine emeritierte Ökonomieprofessorin, war an der Harvard Business School eine der ersten ordentlichen Professorinnen. Zuboff sprach als Erste von „Dark Google“ und brachte das Internet in Zusammenhang mit einem neoabsolutistischen Regime. Auch den Begriff Überwachungskapitalismus (Surveillance Capitalism) hat Zuboff geprägt. Der Überwachungskapitalismus durchdringt alle Lebensbereiche und stülpt sie um. Er fegt alle Beziehungen in einer Weise hinweg, wie es Marx und Engels im „Kommunistischen Manifest“ für den Kapitalismus beschrieben haben. Nur, dass kein Gespenst umgeht, das gegen diese Umwälzung aufsteht.

„Digitalisiert euch!“, lautet vielmehr der Schlachtruf der Konformisten aller politischen Lager, und wer vor den totalitären Aspekten der Digitalisierung warnte, wurde gern ins Lager der Rückschrittler gestellt und als Reaktionär und Maschinenstürmer angeprangert. Zuboff ist diesbezüglich nicht zimperlich. Dass die Herschaft der Digitalkonzerne eine Form totalitärer Herrschaft darstellt oder sie zumindest herbeiführen will, darüber besteht für die Autorin kein Zweifel. Statt in der Dystopie des Big Brother leben wir in jener des Big Other, sagt sie.

Was ist das, Big Other? Zuboff: „Ich verstehe darunter die wahrnehmungsfähige, rechnergestützte und vernetzte Marionette, die das menschliche Verhalten rendert, überwacht, berechnet und modifiziert.“ „Rendert“ wäre mit „vorgibt“ besser übersetzt. Aber man versteht die saftige Diagnose. Das Regime der digitalen Konzerne läuft hinaus auf eine neue „kollektive Ordnung auf Basis totaler Gewissheit, auf die Enteignung kritischer Menschenrechte, die am besten als Putsch von oben zu verstehen ist – als Sturz der Volkssouveränität“.

Wie konnte es so weit kommen? Zuboffs Buch schlägt einen großen Bogen von den Bedingungen der Digitalisierung zu deren Wirkungen. Die Bedingungen schuf die zweite Moderne. Das ist jener Zustand, in dem der Einzelne nicht mehr von Fabrik und Familie geprägt wird wie in der ersten Moderne, sondern von einer durch und durch individualisierten Gesellschaft mit starkem Selbstwertgefühl und starkem Bedürfnis nach Selbstbestimmung; ihr entspricht die frühe Apple-Phase und der Beginn von Social Media. Genau diese Bedürfnisse werden allerdings im neoliberalen Regime frustriert, sagt Zuboff. Auf der Suche nach Ausweg und Hilfe flohen wir ins Internet, wo wir in die Hände von Leuten fielen, die man im Amerika des späten 19. Jahrhunderts Räuberbarone nannte und deren Konzerne man zerschlug.

Diese digitalen Raubritter haben, unbesorgt um Gesetz und moralische Grenzen, Rechte und intime Schranken überschritten und sind so weit in unser Leben eingedrungen, dass sie nicht nur mit unseren intimsten Regungen Geschäfte machen, dass sie nicht nur voraussagen, was wir tun und denken werden, sondern dass sie auch daran gehen, es uns vorzuschreiben. Der Gedanke, uns zu beherrschen, folgt dabei nur dem kommerziellen Imperativ, den Gewinn zu maximieren. Willkommen in der dritten Moderne!

Zuboff beschreibt eine neue Conditio humana, in der wir begeistert dabei mitarbeiten, unsere eigene Würde aufzugeben. Der neue, sanfte Totalitarismus operiert nicht durch Zwang, sondern durch die Verführung technischer Machbarkeit. Es ist ein Totalitarismus der Instrumentalisierung. Er heißt so, weil er unser Verhalten modifiziert. Zuboff zeigt, wie der Behaviorismus ihres Harvard-Kollegen Bernhard F. Skinner, also die Utopie der kompletten Verhaltenssteuerung des Menschen, mit der neoklassischen Idee des Homo oeconomicus zusammenfällt, der angeblich alles rational entscheidet. Die beiden vereinen sich im Algorithmus, der das Verhalten des Menschen rational vorausberechnet und ökonomisch perfekt ausbeutet.

Wir sind nicht das Produkt, sagt Zuboff, wir sind der Kadaver des Produkts, wir sind das, was übrig ist, nachdem man uns ausgeweidet hat. Wir sind nicht das Produkt, wir sind Rohstoff, den man erntet. Wir sind wie Getreide auf dem Feld. Was derart poetisch klingt und sparsam und schön durch Gedichte von W.H. Auden kontrastriert wird, zeichnet Zuboff faktenreich und in originellen Befunden nach. Was Google an Werbekunden verkauft, sind „Derivate von Verhaltensüberschuss“. Apples i-Tunes war ein Big Hack, Google Maps und Google Glass waren „losgelassene Hunde der Dreistigkeit“ und so weiter. Das alles ist materialreich zusammengefasst und glänzend analysiert.

Müssen wir die Hoffnung aufgeben? Nein, wie die Autorin müssen wir uns über den Missbrauch der besseren Möglichkeiten der Digitalisierung empören. Zuboff zitiert den Aufklärer Thomas Paine, der sagte, die Lust einer Generation, Sklaven zu sein, mindere nicht das Recht einer kommenden Generation auf Freiheit. Dieses Buch macht
Lust, am Ende hinzuschreiben: Im Übrigen bin ich der Meinung, die Big Five müssen zerschlagen werden. Aber das ist nicht die Lösung, sagt Zuboff. Wir müssen das Prinzip verstehen, um ihm zu widerstehen.

Armin Thurnher in FALTER 41/2018 vom 12.10.2018 (S. 35)

Posted by Wilfried Allé Tuesday, October 30, 2018 10:04:00 PM
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Für einen linken Populismus 

von Mouffe, Chantal

Kann es das geben, einen guten, linken Populismus? Chantal Mouffe vertritt die Auf­fas­sung, dass dies mög­lich und sogar not­wen­dig ist – eine Po­si­tion, die ihr auch Kri­tik ein­ge­tra­gen hat. Führt das nicht zu einer ge­fähr­lichen Emo­ti­ona­li­sierung? Läuft das nicht eben­falls auf eine Unter­schei­dung zwi­schen gutem Volk und bösem Es­ta­b­lish­ment hi­n­­aus? Po­li­tik, so Mouffe, funk­tio­niere nun ein­mal über kon­fron­ta­tive Wir/sie-Kon­struk­tionen; und ja, es gebe eine Art »Oli­gar­chie«, die eine Ver­wirk­lichung demo­kra­ti­scher und öko­lo­gischer Ziele ver­hin­dere. Dies mache klare po­li­ti­sche Alter­na­tiven und neue pro­gres­sive Alli­an­zen er­for­der­lich. Eine so prä­zi­se wie pro­vo­kan­te In­ter­ven­tion, die an­ge­sichts der Krise so­zial­li­beraler Par­teien und der De­bat­te um »Iden­ti­täts­po­li­tik« für Ge­sprächs­stoff sor­gen wird.

Verlag: Suhrkamp
Genre: Politik
Taschenbuch: 111 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.09.2018
Preis: € 14,40
Erhältlich auch als eBook

Rezension aus FALTER 43/2018

Gegen die Lauheit der Mitte: Her mit dem Feindbild!

Sozialdemokraten aufgepasst: Die Theoretikerin Chantal Mouffe legt ein leserfreundliches Plädoyer für einen linken Populismus vor

Es geschehen Wunder. Chantal Mouffe hat ein lesbares Buch geschrieben. Die 75-jährige Belgierin wurde durch die gemeinsam mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann Ernesto Laclau verfassten Bücher bekannt, in denen sie jargonreich Marxismus mit Ideen von Antonio Gramsci und Jacques Lacan verknüpfte. Linkspopulisten in Lateinamerika oder Spanien beriefen sich auf Mouffe und Laclau, ohne dass deren Dekonstruktionen und Diskursanalysen eine breitere Leserschaft erreicht hätten.

Nun legt Mouffe eine Schrift vor, deren Argumente erstaunlich stringent sind. „Für einen linken Populismus“ ist das gelassene Ergebnis einer 50-jährigen Forschungsarbeit und liefert Zunder für das politische Thema der Gegenwart: Wie lässt sich ein linkes Programm nach dem Ende der Arbeiterklasse formulieren?

Wir gegen die Oligarchen

Mit dem Begriff des Populismus greift Mouffe ein heißes Eisen an, denn der Begriff steht für Radikalisierung und Antipluralismus. Das Schlagwort ließe sich für eine Erneuerung der Demokratie stark machen, argumentiert Mouffe. Die sozialdemokratisch sedierte Mitte der Gesellschaft soll durch Streit („Agonismus“) aus dem Dämmerschlaf gerissen werden, mehr noch: Im Sinne des rechten Vordenkers Carl Schmitt muss ein Feind her. Er heißt neoliberale Oligarchie.

Mouffe spricht von der Krise der Finanzmärkte, die ein populistisches Moment eröffne. Ein aus dem Ruder gelaufener Ökonomismus biete sich als jenes Feindbild an, das ein Gemeinschaft stiftendes „Wir“ ermögliche. Mouffes Analyse fasst scharfsinnig die Alternative zusammen. Entweder „das Volk“ (ein ebenfalls heikler Begriff) bekommt ein Angebot, das die Hegemonie der Oligarchen beendet, oder es läuft zu jenen über, die – wie Donald Trump oder Jair Bolsonaro – die Demokratie von rechts bekämpfen.

Von Thatcher lernen

Dabei betont Mouffe den Wert der Emotionen und der Moral, die vom Marxismus stets als Verblendung der wahren Klassenverhältnisse abgetan wurden. Mouffe empfiehlt den linken Strategen, die Werkzeugkiste der Rechtspopulisten zu plündern und Begriffe wie Heimat und Nation zu entwenden. Das Kapitel „Vom Thatcherismus lernen“, ebenfalls ein Konzentrat älterer Publikationen, verneigt sich vor der Staatskunst der Eisernen Lady, die es schaffte, einen Keil zwischen Gewerkschaften und den kleinen Mann zu treiben und damit den Siegeszug des Neoliberalismus zu ermöglichen.

Anders etwa als Sahra Wagenknecht in Deutschland spielt Mouffe den Sozialismus nicht gegen linke Identitätspolitik aus. Um die Gesellschaft wieder gleicher und gerechter zu machen, sei eine „Äquivalenzkette“ notwendig, die Forderungen der Arbeiter und Einwanderer mit den Anliegen der vom Abstieg bedrohten Mittelschicht und der LGBT-Community verknüpft. „Das Ziel einer solchen Kette ist die Errichtung einer neuen Hegemonie, die die Radikalisierung der Demokratie ermöglichen wird“, schreibt Mouffe.

Wie sich dieses politische Subjekt konstituieren soll, bleibt unklar. Etwas vage spricht Mouffe von neuen Organisationsformen, wie sie etwa von der Podemos-Bewegung in Spanien entwickelt wurden. Der Umweltschutz ist ein Thema, das eine „populistische Anrufung“ ermöglichen könnte. Mouffe führt diesen Ansatz nicht weiter aus, aber die Botschaft ist klar: Wenn der Planet den Bach runtergeht, finden Antikapitalisten, queere Aktivistinnen und besorgte Kleinbürger zueinander. Mit Spannung wartet man auf Mouffes großen Wurf zur Ökokratie.

Matthias Dusini in FALTER 43/2018 vom 26.10.2018 (S. 19)

Posted by Wilfried Allé Wednesday, October 24, 2018 12:01:00 PM
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Handbuch Datenschutz 

Schnüfflern ein Schnippchen schlagen

von Natalie Oberhollenzer, Gernot Schönfeldinger

- So erkennen Sie Datenkraken im Alltag
- Tipps & Tricks für Ihre Privatsphäre

Ob das Bezahlen im Supermarkt, die Benutzung eines Smartphones oder das Surfen im Web: Viele Aktionen im Alltag sind mit dem Austausch von Daten verbunden. Und die meisten bequemen "Gratisdienste“ werden mit der Preisgabe persönlicher Daten bezahlt.

Produktbeschreibung
Natalie Oberhollenzer, Gernot Schönfeldinger: Handbuch Datenschutz. So erkennen Sie die Datenkraken im Alltag; den Schnüfflern ein Schnippchen schlagen; Tipps & Tricks für Ihre Privatsphäre. Hrsg. Verein für Konsumenteninformation; Wien 2018, Flexcover, 390 g, 204 Seiten; ISBN 978-3-99013-083-4; 19,90 € (+ Versandkosten)

Kleine Daten, großes Geheimnis

In der zunehmend "smarten“, vernetzten Welt fallen Unmengen von Daten an, deren Verwendung für den Einzelnen immer öfter ein großes Geheimnis bleibt. Die großen Player wie Google, Facebook und Apple sind bekannt, doch im Hintergrund agiert eine große Zahl an Unternehmen, die Daten sammeln, auswerten und zu Geld machen.

Einblick in das Big-Data-Business

Dieses Buch gibt nicht nur Einblick in das Big-Data-Business, sondern motiviert zu einem möglichst sparsamen Umgang mit den eigenen Daten. Es zeigt, wo die Datenkraken in unseren Alltag eingreifen und was man tun kann, um Privatsphäre möglichst zu bewahren.

Haben Sie Ihr Handy neben sich am Nachttisch liegen? Reißt Sie Ihr Smartphone-Wecker morgens aus dem Schlaf? Checken Sie oft schon im Bett die aktuellen Wetterwerte und vielleicht auch die E-Mails? Keine Sorge, dann starten Sie wie die meisten von uns in den Tag. Wie selbstverständlich nehmen wir dann unser Handy mit zum Frühstück. Wir werfen einen Blick auf unser liebstes Onlinemedium, auf die Facebook-Timeline und schauen uns das neueste Katzenvideo über WhatsApp an.

GPS, WLAN und sämtliche Mess- und Aufzeichnungsgeräte des Handys haben währenddessen erhoben, wann wir heute aufgewacht sind. Wann wir uns im Haus wohin bewegt haben. Wie schnell wir von A nach B gegangen sind. Welche Nachrichten uns an diesem Morgen interessieren und von wem wir um diese Tageszeit schon E-Mails lesen. Möglicherweise wird auch der Inhalt der E-Mails getrackt. Und dass wir Katzen mögen natürlich auch.

In nur einer halben Stunde unseres alltäglichen Morgenrituals zeichnen Unternehmen wie Google, Apple und eine Reihe in der breiten Öffentlichkeit komplett unbekannter Unternehmen jede Menge Infos über uns auf.

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Posted by Wilfried Allé Tuesday, October 23, 2018 11:31:00 PM
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Der Weg in die Unfreiheit 

Russland - Europa - Amerika

Timothy Snyder
Timothy Snyder ist Professor für Geschichte an der Yale University. Er hat u. a. den Hannah-Arendt-Preis und den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung erhalten. Seine Bücher wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt.

Gleichheit oder Oligarchie, Individualismus oder Unfreiheit, Wahrheit oder Fake News – die Welt, wie wir sie kannten, steht am Scheideweg. Viel hat der Westen selbst dazu beigetragen. Aber er hat auch mächtige Feinde, die seine Institutionen mit allen Mitteln – von der Finanzierung des Rechtspopulismus in Europa bis zum Cyberwar – untergraben wollen. Wer diese Gegner sind, wie sie vorgehen und wie bedrohlich die Lage ist, das beschreibt das aufsehenerregende neue Buch von Tim Snyder. Mit dem Ende des Kalten Krieges hatten die liberalen Demokratien des Westens gesiegt. Von nun an würde die Menschheit eine friedvolle, globalisierte Zukunft erwarten. Doch das war ein Irrtum. Seit Putin seine Macht in Russland etabliert hat, rollt eine Welle des Autoritarismus von Osten nach Westen, die Europa erfasst hat und mit Donald Trump auch im Weißen Haus angekommen ist. Tim Snyder, Autor des Weltbestsellers «Über Tyrannei», beschreibt in seinem Buch den Aufstieg dieser neuen «rechten Internationalen», schildert ihre bedrohlichen Ziele und zeigt, wie sehr die Grundlagen unserer Demokratie in Gefahr sind.

ZUM BUCH

«Jeder, der die politische Krise verstehen will, die gegenwärtig die Welt erfasst hat, sollte diese brillante und beunruhigende Analyse lesen.»
Yuval Noah Harari

Posted by Wilfried Allé Monday, September 24, 2018 12:29:00 AM
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Jacobin 

Die Anthologie

von Loren Balhorn, Bhaskar Sunkara, Stefan Gebauer

Aus dem Buch

»Eine Gewissheit haben wir: Der Kapitalismus wird enden. Vielleicht nicht in naher Zukunft, aber über kurz oder lang. Die Frage lautet also, was als Nächstes kommen wird.«

Pressestimmen

»Eine erste Bilanz von fast zehn Jahren Jacobin zieht die nun erschienene, gleichnamige Anthologie, die als schöner Sonderdruck in der edition suhrkamp vorliegt. Sie lädt zum Vertiefen ein in Themen wie Identitätspolitik, Marx, aber als Zombie gedacht, Donald Trumps Weg zur Macht und Bernie Sanders' Sicht auf den demokratischen Sozialismus.«
Fabian Thomas, The Daily Frown

Übersetzung: Stefan Gebauer
Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 311 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.09.2018
Preis: € 18,50
E-Book: € 18,00

 

»Ein Licht in dunklen Zeiten.« Noam Chomsky
Enthält ein Interview mit Bernie Sanders!
Seit 2010 mischt Jacobin als Sprachrohr der neuen amerikanischen Linken die intellektuelle Szene in den USA auf. In dem Magazin treten junge Autorinnen und Autoren offen für den Sozialismus ein, und das im Land des Hyperkapitalismus. Mit polemischen Artikeln entwickelte sich Jacobin schnell zu einem einflussreichen Ideengeber für Occupy Wall Street und die Bewegung um Bernie Sanders. Inzwischen erscheint die Zeitschrift in einer Auflage von 30.000 Exemplaren, online erreicht sie jeden Monat rund eine Million Leser.
Dieser Band versammelt erstmals eine Auswahl von Beiträgen auf Deutsch. In den Texten zur Identitätspolitik und zu Black Lives Matter, zum Stand des Kapitalismus und der Kapitalismuskritik sowie zum »Zombie-Marxismus« und dem Aufstieg Donald Trumps zeichnen sich die Konturen eines politischen Programms ab, das fraglos auch hierzulande die Diskussionen um eine strategische Neuausrichtung der Linken befruchten wird.
Loren Balhorn, geboren 1987, ist Chefredakteur des Online-Magazins Ada und Redakteur bei Jacobin. Zudem arbeitet er als Lektor und Übersetzer. Er lebt in Berlin. Bhaskar Sunkara, geboren 1989, ist der Gründer und Herausgeber von Jacobin und Catalyst: A Journal of Theory and Strategy. Daneben schreibt er regelmäßig für amerikanische Zeitungen und Magazine wie The New York Times, Washington Post und The Nation. Er lebt in New York.

Posted by Wilfried Allé Saturday, September 22, 2018 10:29:00 PM
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Arbeit ist unsichtbar 

Die bisher nicht erzählte Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Arbeit

von Christine Schörkhuber, Harald Welzer, Robert Misik

Verlag: Picus Verlag
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.05.2018
Preis: € 24,00

Rezension aus FALTER 31/2018

Ich arbeite, du arbeitest, wir arbeiten – aber wofür?

Die Regierung will flexiblere Arbeitszeiten. Der Sammelband Arbeit ist unsichtbar erzählt von Arbeit als Sinnstifterin und Machtinstrument

Wer es noch nicht ins Museum Arbeitswelt in Steyr zur Ausstellung „Arbeit ist unsichtbar“ geschafft hat und es auch bis zum 23. September nicht schaffen wird, dem kann geholfen werden. Es gibt jetzt nämlich einen lesenswerten Sammelband zur Ausstellung. Er versammelt Teile der Ausstellung zum Nachlesen, literarische und journalistische Texte zum Thema Arbeit, Fotos, Reportagen, Interviews und ergibt in Summe einen umfassenden „Reader“, also einen Leseband, zum großen Thema Arbeit. „Wem gehört die Zeit?“, fragen die Autoren etwa im Kapitel „Arbeitszeit“ und erzählen eine kleine Geschichte der Vertaktung des Arbeitslebens, die jetzt von der türkis-blauen Regierung gerade weitergetrieben wird in Richtung Zwölfstundentag und 60-Stunden-Arbeitswoche. Für die einen ist das Befreiung und Flexibilisierung, für die anderen Auspressen und Unterdrückung.

Autonomie und Zwang sind die beiden Pole, zwischen denen das Thema Arbeitszeit seit Beginn der industriellen Lohnarbeit verhandelt wurde. „Gut Ding braucht Weile“ wird ersetzt durch „Zeit ist Geld“. Noch 1879 gibt es in der Monarchie keine gesetzlich geregelte Arbeitszeit, aber auch keine staatliche Kranken- und Unfallversicherung. Die „Dressierung“ der Arbeiterinnen und Arbeiter, das Arbeiten zur gleichen Zeit an einem Ort, gibt auch die Möglichkeit, sich abzusprechen, gemeinsam für mehr Rechte zu kämpfen.

Wie so oft in der Moderne herrscht Ambivalenz. Ja, die Industrialisierung führt zu Arbeits- und Zeitdruck, und ja, gleichzeitig entsteht dadurch die moderne Arbeiterbewegung, es wird protestiert und gestreikt. Für die aktuelle politische Debatte heißt das natürlich auch: Beim Thema Arbeitszeiten geht es nicht nur um die individuellen neuen, vielleicht für manche opportunen Spielräume, es geht auch um eine weitere Entsolidarisierung der Arbeitenden. Wer Homeoffice macht, seine Kollegen nur vom Grüßen kennt, entsolidarisiert sich unweigerlich.

„Startupstory“ nennt der Autor Andreas Baumgartner seinen Kurzbeitrag für den Sammelband, in dem er von seinen zweieinhalb Jahren bei einem Start-up-Unternehmen erzählt. Zuerst läuft alles toll, er arbeitet immer mehr, mit mehr Verantwortung, 60 Stunden in der Woche, trotzdem noch auf Werkvertrag. Dann geht alles sehr schnell und er steht wieder auf der Straße. „Scheitern ohne Netz und mit viel Aufwand“ sei das gewesen.

Viele solche spannenden Blitzlichter auf die herrschende Arbeitswelt finden sich im Sammelband. Robert Misik beschreibt etwa eine „Anti-Machismo“-Initiative auf Shell-Ölplattformen, die dazu führte, dass Arbeitsunfälle um 84 Prozent zurückgingen, weil die Männer lernten, über ihre Emotionen zu sprechen und Ängste zuzulassen.

Die Politologen und Soziologen Ullrich Brand und Markus Wissen gehen der Frage „Wie viele Sklaven halten Sie?“ nach. „Imperiale Lebensweisen“ seien der Alltag in den Zentren des globalen Kapitalismus eigentlich, auch wenn es uns nicht immer bewusst ist. Bei allem, was wir konsumieren, greifen wir auf die billigen Arbeitskräfte und Ressourcen von „anderswo“ zurück, von der polnischen Haushalthilfe über den libanesischen Uber-Fahrer bis zur Sweat-Shop-Näherin in Bangladesch, die die Zara-Tunika bestickt.

Was würden Sie tun, wenn sie 1000 Euro Grundeinkommen bekämen, fragten die Autoren Passanten in St. Pölten. „Ich würde dann mehr Geld kriegen für dieselbe Arbeit, weil ein großer Anteil der Arbeit, die ich sowieso mache, Kinder, Familie, Vereine, abgegolten wäre. Fände ich sehr erfreulich.“

Barbaba Tóth in FALTER 31/2018 vom 03.08.2018 (S. 17)

Posted by Wilfried Allé Monday, August 6, 2018 11:28:00 AM
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Das terrestrische Manifest 

Eine Serie politischer Unwetter hat die Welt durcheinandergebracht. Die Instrumente, mit denen wir uns früher orientierten, funktionieren nicht mehr. Verstanden wir Politik lange als einen Zeitstrahl, der von einer lokalen Vergangenheit in eine globale Zukunft führen würde, realisieren wir nun, dass der Globus für unsere Globalisierungspläne zu klein ist. Der Weg in eine behütetere Vergangenheit erweist sich ebenfalls als Fiktion. Wir hängen in der Luft, der jähe Absturz droht.
In dieser brisanten Situation gilt es zuallererst, wieder festen Boden unter den Füßen zu gewinnen und sich dann neu zu orientieren. Bruno Latour unternimmt den Versuch, die Landschaft des Politischen neu zu vermessen und unsere politischen Leidenschaften auf neue Gegenstände auszurichten. Jenseits überkommener Unterscheidungen wie links und rechts, fortschrittlich und reaktionär plädiert er für eine radikal materialistische Politik, die nicht nur den Produktionsprozess einbezieht, sondern auch die ökologischen Bedingungen unserer Existenz. Bruno Latour, geboren 1947 in Beaune, Burgund, Sohn einer Winzerfamilie. Studium der Philosophie und Anthropologie, von 1982 bis 2006 Professor am Centre de l'Innovation an der Ecole nationale supérieure de mine in Paris. Gastprofessor an der University of California San Diego, der London School of Economics und am historischen Seminar der Harvard University. Seit Juni 2007 ist Bruno Latour Professor am Sciences Politiques Paris und dem Centre de Sociologie des Organisations (CSO). Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. 2013 den Holberg- Preis.

Übersetzung: Bernd Schwibs
Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 136 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.04.2018
Preis: € 14,40
Eine Rezension von Elisabeth von Thadden

27. Juni 2018 DIE ZEIT Nr. 27/2018, 28. Juni 2018

Der Platz wird eng. Eine gemeinsame Welt, die sich unter allen teilen ließe, gibt es nicht mehr, denn die alte Erde ist zu klein, sie wird durch die Erwärmung vielerorts unbewohnbar. Boden, auf dem sich wirtschaften lässt, ist knapp, das handelsübliche Wachstum ist ökologisch mörderisch, und an wandernden Menschen, die Heimat suchen, herrscht Überfluss. Mit wenigen stilistischen Handgriffen schiebt so der Pariser Starintellektuelle Bruno Latour in seinem jüngsten Buch Das terrestrische Manifest drei Kontinente des Politischen aneinander: Klima, Ungleichheit, Migration. Latour plakatiert eine verbindende, kraftvolle Großthese: Wer unter den Reichen die klimatisch bedingte Knappheit einmal begriffen hat, schweigt vom Klimawandel fortan fein still, steigt dafür zügig aus der Solidarität mit den anderen Weltbewohnern aus und zieht die Mauern des Nationalstaates hoch – um offshore zu gedeihen, das Eigene zu schützen, die Menschen wie ihren unverhandelbaren Lebensstil. Genau dieses Programm, sagt Latour, führen die Eliten im Zeitalter Trumps gerade durch: Der Klimawandel ist nicht von ihrer Welt, sie bewohnen lieber ungestört eine andere, imaginäre, mit Klimaanlage, und die hat nun für Fremde geschlossen. Latour hält diesem Wahn hart entgegen: Heimatlose sind wir auf einem toten Planeten doch alle. Es komme darauf an, sich als Bürger neu zu erden. Sich an einen Boden zu binden, der sich uns unter den Füßen entziehen will, und durch diese Bindung "welthaft" zu werden.

Damit wäre man bereits im Reich der Latourschen Sprachschöpfungen angekommen, die seine Kritiker seit Langem mit Kopfschütteln quittieren: Was soll das sein, Boden, geht es um Überweidung, Abholzung, Brachen? Was ist dann mit "welthaft" gemeint? Geht es auch etwas weniger verschwörungsmetaphorisch? Und: Es sind doch die Eliten gewesen, die vom Pariser Klimavertrag über die energiepolitischen EU-Normen bis zu den Sustainable Development Goals der UN in den vergangenen Jahren die Standards für die Staaten der Welt zur Unterschriftsreife geformt haben, an die sich nun kaum einer hält. Warum bedauert Latour das arme Volk, das von seinen Eliten genarrt werde? Es waren europäische Gesellschaften, die seit den Achtzigerjahren ihre Eliten zum klimapolitischen Handeln gedrängt haben. Einwände ohne Ende also.

Aber Latour ist nicht zuletzt ein brillanter Ironiker, er spricht in seiner dialogisch arabesken Prosa mit aller Kraft auch gegen sich selbst: gegen die eigenen unbeweisbaren Hypothesen, gegen seine so haarspalterische wie eigenmächtige Sprache, er weiß, dass er methodisch auf Autopilot fährt. Doch als ein entschiedener Europäer hält er das Regelwerk in Ehren, das in Brüssel entstand, und zugleich tritt dieser klassisch subsidiär denkende Kosmopolit aus der Provinz der französischen Winzer mit dem neuen antifatalistischen Paris-Faktor auf: Bruno Latour weiß, dass seine Stimme bei vielen Gehör findet, weil er es für unanständig hält, sich im Fatalismus zu baden. Er weiß, dass er Fragen stellt, die sonst kaum als öffentlich verhandelbar gelten: "Woran hängen Sie am meisten? Mit wem können Sie leben? Wessen Überleben hängt von Ihnen ab? Gegen wen werden Sie kämpfen müssen? Wie lässt sich all das in eine Reihenfolge der Prioritäten bringen?" Latour nimmt die durchschnittliche europäische Gewöhnungsnormalität angesichts des Klimawandels nicht hin. Er will die Schockstarre lösen: Gesucht wird die Erde, auf der Menschen sich erden können. Gesucht wird: Politik.

Posted by Wilfried Allé Sunday, July 29, 2018 5:40:00 PM
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Radikale Alternativen 

Warum man den Kapitalismus nur mit vereinten Kräften überwinden kann