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Gesundheit in der Klimakrise

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Posted by Wilfried Allé Thursday, July 11, 2024 10:28:00 AM Categories: Ratgeber/Gesundheit

Auswirkungen. Risiken. Perspektiven.

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Welche Gesundheitsrisiken und Krankheiten durch Klimawandel, Erderwärmung und Wetterextreme drohen und wie Sie sich schützen können.

Herausgegeben von Hans-Peter Hutter

Reihe: Ratgeber der MedUni Wien
ISBN: 9783214042448
Verlag: MANZ Verlag Wien
Umfang: 152 Seiten
Format: Buch
Genre: Ratgeber/Gesundheit
Erscheinungsdatum: 28.02.2023
Preis: € 23,90
Kurzbeschreibung des Verlags

Der Klimawandel und seine Folgen für Körper und Seele

Die Wetterextreme häufen sich, auch in Mitteleuropa: Dürre­perio­den wech­seln sich mit Über­schwem­mun­gen bis­her un­er­reich­ten Aus­maßes ab und Hitze­wel­len trei­ben die Über­sterb­lich­keit bei Ri­si­ko­grup­pen in die Höhe.

Das Autoren-Team rund um Herausgeber und Medi­ziner Hans-Peter Hutter er­läu­tert in ver­ständ­li­chen Wor­ten, was die Be­grif­fe Klima und Klima­wan­del tat­säch­lich be­deu­ten. Vor al­lem die viel­fäl­ti­gen Aus­wir­kun­gen der Klima­krise auf Ge­sund­heit und Wohl­be­fin­den des Men­schen ste­hen da­bei im Vor­der­grund.

  • Krankheiten durch Klimawandel: Die physischen und psychischen Folgen
  • Welche Personengruppen sind besonders von Gesundheits­ri­si­ken be­troffen?
  • Wie trifft der Klimawandel Österreich im Speziellen?
  • Geeignete Maßnahmen zum Klimaschutz, die Sie per­sön­lich um­set­zen können
  • Welche neuen Infektionskrankheiten drohen durch die Folgen der Erd­er­wärmung?
  • Herausgegeben von Hans-Peter Hutter, Experte für Umwelt­medizin
Über den vorausschauenden Umgang mit dem Klimawandel: Was kann ich tun?

Von der Wahl des Wohnorts bis hin zum bewussten Ver­zicht auf un­nö­ti­ge Res­sour­cen­ver­schwen­dung – es gibt viele Wege, mit der Erd­er­wär­mung um­zu­ge­hen. Zahl­rei­che Tipps und In­for­ma­tio­nen für die not­wen­di­gen An­pas­sun­gen an den Klima­wan­del fin­den Sie zu­sam­men­ge­stellt in die­sem Rat­geber. Ge­sund­heit und prä­ven­tive Schutz­maß­nah­men ste­hen da­bei ganz be­son­ders im Fokus.

Wer ist besonders betroffen? Welche Vorkehrungen in Bezug auf Wet­ter­ex­tre­me ma­chen für je­den Ein­zel­nen Sinn? Wie ver­hal­ten Sie sich rich­tig wäh­rend ei­ner Hitze­wel­le? Die­ses Klima­wan­del-Buch rich­tet sei­nen Blick auf die medi­zi­ni­schen Aus­wir­kun­gen der Krise und gibt prak­ti­sche Rat­schlä­ge zum Um­gang mit den ent­ste­hen­den Ge­sund­heits­risiken.

FALTER-Rezension

EIN STILLER KILLER

Gerlinde Pölsler in FALTER 28/2024 vom 12.07.2024 (S. 43)

Wien, Graz, Linz und Klagenfurt strahlen in Orange. Das heißt: "Ach­tung!" Ab Mitt­woch, den 10. Juli, prog­nos­ti­ziert der Wet­ter­warn­dienst von Geo­Sphere Aus­tria, Öster­reichs of­fi­ziel­lem Wet­ter­dienst, für den Osten des Lan­des "star­ke Hitze­be­lastung".
Immerhin leuchtet die Karte noch nirgends rot, das hieße "Gefahr!".

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Zahl der Hitze­tage mit min­des­tens 30 Grad in Öster­reich ver­viel­facht: Ka­men die Landes­haupt­städte zwi­schen 1961 und 1990 im Schnitt auf drei bis 12 sol­cher Tage, waren es von 1991 bis 2020 schon neun bis 23, manch­mal auch schon mehr als 40.

Heiße Temperaturen, das bedeutet: baden gehen, Eis es­sen und abends ewig im Schani­gar­ten sit­zen. Es heißt aber auch: mehr Un­fälle, Ge­walt und psy­chi­sche Pro­ble­me, mehr Auf­nah­men in den Spi­tä­lern - und mehr Ster­be­fälle. Los geht all das im­mer frü­her im Jahr.

Am 18. Juni bekommt der 64-jährige Reinhard Tesch auf dem Tennis­platz im stei­ri­schen Peg­gau ein komi­sches Ge­fühl im Bauch. Er sagt sich: "Nur noch den Satz fer­tig spie­len", wie er spä­ter der Klei­nen Zei­tung er­zählt. Doch dann bricht er zu­sam­men: schwe­rer Vor­der­wand­in­farkt, das Herz steht still. 20 Mi­nu­ten kämp­fen vier Tennis­spie­ler um sein Le­ben. Kurz be­vor der Ret­tungs­hub­schrau­ber auf­setzt, be­ginnt sich Teschs Brust­korb wie­der zu he­ben und zu sen­ken. Er überlebt.

Ende Juni häufen sich Meldungen aus Griechen­land über groß­teils älte­re Wan­de­rer, die an der Hitze ster­ben. Weil es nor­maler­weise um die­se Zeit am Pelo­pon­nes noch nicht so heiß ist, kom­men ge­rade Pensio­nis­ten gerne. Doch heuer misst man schon im Juni bis zu 45 Grad. Min­des­tens sechs Tou­risten kom­men ums Leben.

Um dieselbe Zeit kehren zahlreiche Pilger von der muslimischen Wall­fahrt Hadsch nicht mehr zu­rück: 1301 Men­schen seien in Mekka oder auf dem Weg dort­hin auf­grund ex­tre­mer Hit­ze ge­stor­ben, teilt Saudi-Arabien mit.

Hitze sei die "vielleicht tödlichste Wettergefahr", warnen Forscher vom Wegener Center für Klima und Glo­ba­len Wan­del an der Uni Graz am Mon­tag: Es brau­che ein welt­wei­tes Hitze­warn­system.

In Österreich lag die errechnete Übersterblichkeit aufgrund von Hitze in den ver­gan­ge­nen Jah­ren bei bis zu 550 Todes­fäl­len. "In eini­gen Jah­ren gab es be­reits mehr Tote durch Hitze als im Straßen­ver­kehr", in­for­miert Öster­reichs Staats-Wet­ter­warte von Geo­Sphere Aus­tria. Al­lein im Som­mer 2022, dem heißes­ten in Euro­pa seit Be­ginn der Wet­ter­auf­zeich­nun­gen, wa­ren laut dem euro­pä­ischen Sta­tis­tik­amt Euro­stat wahr­schein­lich über 61.000 Todes­fäl­le auf die Hit­ze zu­rück­zu­füh­ren. Vor al­lem äl­tere Men­schen star­ben und von ih­ nen wie­der ver­mehrt Frauen. Ganz ge­nau weiß man al­ler­dings nicht, wie vie­le Le­ben die Hit­ze kos­tet, weil sie sich oft zu an­de­ren Vor­er­kran­kun­gen ge­sellt: Der Um­welt­medi­zi­ner Hans-Peter Hutter von der Med­Uni Wien, Heraus­geber des Buches "Ge­sund­heit in der Klima­krise":"Die Hitze ist ein lei­ser Mörder."

"Leider ein Klassiker", erklärt Harald Herkner, Präsident der Öster­rei­chi­schen Ge­sell­schaft für Not­fall­medi­zin und Vize­chef der Not­fall­kli­nik am AKH. "Ein äl­te­rer Men­sch trinkt zu wenig, kolla­biert und lan­det in der Kli­nik. Die Hitze­fol­gen sind zwar medi­zi­nisch oft leicht zu be­han­deln, doch da­nach im Kran­ken­haus ist die Ge­fahr, eine Lungen­ent­zün­dung oder ei­nen Harn­wegs­in­fekt zu be­kom­men, hö­her als zu Hause." Und schon dreht sich die Spi­rale rasch nach unten.

Gleich wie Überschwemmungen oder Hurrikans ist die Hitze extrem un­ge­recht: Babys und Alte, chro­nisch Kranke und Men­schen mit Be­hin­de­rung trifft sie viel här­ter. Bau­ar­bei­ter und Bus­fahrer lei­den mehr als Men­schen, die im Büro wer­keln, Ob­dach­lose und Be­woh­ner bil­liger und schlecht iso­lier­ter Woh­nun­gen mehr als Be­tuch­tere. In den Städten leben die Ärme­ren meist auch noch rund um die "Hitze­in­seln", an viel be­fah­re­nen Straßen ohne Bäu­me und Grün­flä­chen. Am 5. Juli 2022, das Thermo­meter kratz­te an der 30-Grad-Marke, zog der Fal­ter mit einer Wärme­bild­ka­mera durch die Stadt - und fand ge­wal­tige Unter­schiede: Den zu­beto­nier­ten Park­platz am Nasch­markt zeigte die Kame­ra tief­rot mit ei­ner Ober­flächen­tempe­ra­tur von 52 Grad. Ganz anders die Berg­gas­se im neun­ten Bezirk: Dort, unter vie­len Bäu­men, kam der Boden auf "nur" 32 Grad. As­phalt kann sich auf über 60 Grad auf­hei­zen, in­for­miert der Ver­kehrs­club Öster­reich, der da­zu auf­ruft, Hitze-Hot­spots auf Geh­stei­gen in ei­ner On­line-Karte ein­zu­tragen.

Schuften unter der Sonne Dem 39-jährigen Wiener Michael Schaden, der seit 20 Jah­ren am Bau ar­bei­tet, geht es mit der Hitze noch ganz gut. Er be­obach­tet aber, wie äl­tere Kol­le­gen kämp­fen: "Denen rin­nen rich­tig die Schweiß­per­len run­ter, man­chen wird schwind­lig." Das ist auch ge­fähr­lich, schließ­lich ste­hen die Ar­bei­ter oft hoch oben auf ei­nem Ge­rüst oder Dach. "Wir sagen ihnen dann: ,Komm, setz dich mal hin und d'erfang dich wieder. Geh in den Schatten oder in den Container.'"

Mit seiner Firma, der Hazet Bauunternehmung, ist Schaden zu­frieden: Was­ser, Mine­ral­was­ser und Son­nen­milch stün­den im­mer gra­tis zur Ver­fü­gung. Auch hitze­frei ha­ben er und sei­ne Kol­legen schon öf­ter be­kom­men: Ab 32,5 Grad im Schat­ten gibt es die Mög­lich­keit, die Ar­beit nieder­zu­legen - aller­dings be­steht da­rauf kein Rechts­an­spruch, es liegt al­lein am Gut­dün­ken der Arbeit­ge­ber. "Nur jeder vierte am Bau Be­schäf­tigte be­kam im ver­gan­ge­nen Som­mer stun­den­wei­se hitze­frei", klagt Bau­ge­werk­schafts­boss Josef Mu­chitsch. Ge­mein­sam mit der Ar­bei­ter­kam­mer und Fri­days for Fu­ture for­dert die Gewerk­schaft, dass alle Out­door-Be­schäf­tig­ten ab 30 Grad be­zahlt hitze­frei be­kom­men müs­sen. Andern­falls, drohte Mu­chitsch schon, werde man mit Ak­ti­vis­ten der Klima­be­we­gung "jene Bau­stel­len blockie­ren, die trotz ge­fähr­li­cher Hitze wei­ter schuf­ten las­sen". Immer­hin führt der Kampf ge­gen die Hitze auch zu neuen poli­ti­schen Allianzen.

Schwitzen im Plastiksackerl

400.000 Menschen hackeln in Österreich unter freiem Himmel, etwa bei der Müll­ab­fuhr oder als Gärt­ner. Aber auch drin­nen kann das Schuf­ten bei 30 Grad auf­wärts grenz­wer­tig wer­den, etwa in Pro­duk­tions­hal­len oder an den Bügel­ma­schi­nen von Wäsche­reien. Die Be­las­tungen, die dort spe­ziell Frauen tref­fen, wer­den oft über­sehen. Die Ar­bei­ter­kam­mer Wien hat des­halb im Früh­jahr Be­triebs­rä­tin­nen genau dazu interviewt.

Sehr anstrengend wird es etwa für die Pflegekräfte. Bei Hitze ist das Heben oder Wa­schen von Patien­ten be­schwer­li­cher, gleich­zei­tig sind auch die kran­ken oder al­ten Men­schen ge­reiz­ter und brau­chen mehr Zu­wen­dung. "Wenn die Außen­be­schat­tung fehlt, hat es in den Pa­tien­ten­zim­mern an heißen Ta­gen auch über 35 Grad", sagte eine Be­triebs­rätin.

Einige Beschäftigte erzählten, ihre Arbeits­klei­dung be­stehe aus bil­li­gem, syn­the­ti­schem Mate­rial: "Das G'wand ist wie ein Plas­tik­sackerl." Ein wei­teres Pro­blem, das Frauen stär­ker be­trifft: Bei Hitze soll man mehr trin­ken, und das heißt, dass man öf­ter aufs Klo muss. Doch wie sol­len Bus­fahrer­innen oder mo­bile Pfle­ge­rin­nen das machen? Das "Frei­luft-WC" ist für Frauen meist kei­ne Option, die Folge: Frauen trin­ken weni­ger, wie eine Straßen­bahn­schaffnerin er­zählt. Ge­sund­heit­lich ist das riskant.

Alles kein Problem für Sie?

"Mir tut die Hitze nichts", glauben viele. "Dabei wird unter­schätzt, dass Hitze für al­le Men­schen eine ge­wis­se Be­las­tung dar­stellt", sagt Um­welt­medi­zi­ner Hans-Peter Hutter. Der Kör­per muss eine Tempe­ra­tur von rund 37 Grad hal­ten. Um sich ab­zu­küh­len, wird die Haut viel stär­ker durch­blu­tet und die Schweiß­ab­gabe an­ge­kur­belt. Das Herz muss deut­lich mehr Blut pro Mi­nu­te an die Peri­phe­rie pum­pen, der Or­ga­nis­mus ist ge­stresst. Um­so mehr, je hö­her die Luft­feuch­tig­keit und je weni­ger der Wind weht.

In der milderen Form kann das zu Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel und Er­schöp­fung füh­ren. Die Hit­ze kann aber auch einen Hitz­schlag mit Todes­folge aus­lö­sen. Außer dem Her­zen sind das Ge­hirn und die Nie­ren be­son­ders ge­fähr­det. "Das Risi­ko für Nie­ren­steine und -koli­ken steigt stark an", weiß Not­fall­medi­ziner Herkner. "Diese las­sen sich zwar gut be­han­deln, aber die Schmer­zen sind mit­unter extrem."

Je intensiver die Hitzewelle ist und je länger sie dauert, desto größer wird die Be­las­tung. In heißen Näch­ten kommt es außer­dem zu mehr Schlag­an­fäl­len, wie eine brand­neue, im Euro­pean Heart Jour­nal publi­zierte Stu­die aus Deutsch­land zeigt. Ge­fähr­det seien be­son­ders Ältere und Frauen.

Generell verstärken sich die Auswirkungen von Hitze in den soge­nannten Tropen­nächten, in de­nen die Außen­tempe­ra­turen nicht mehr unter 20 Grad sin­ken, er­klärt Hans-Peter Hutter: "Stel­len Sie sich vor, Sie kom­men nach ei­nem heißen Ar­beits­tag schon ab­ge­schla­gen nach­hause. Bleibt es in der Nacht sehr warm, schla­fen Sie schlecht und be­gin­nen den nächs­ten Tag be­reits mit einer defi­zi­tä­ren Leis­tungs­fähig­keit." Es wird wie­der sehr heiß und so wei­ter. All das scha­det kör­per­lich ohne­hin be­ein­träch­tig­ten Men­schen noch viel mehr.

Die Hitze als Fußfessel In den letzten Tagen blieb der Energieberater Mex M. lieber im Haus - auch wenn es bei ihm im Wald­vier­tel deut­lich küh­ler war als in Wien oder Graz. Doch M. hat Mul­tiple Skle­rose (MS), und ab etwa 25 Grad braucht er den Roll­stuhl, ab 30 Grad den elek­tri­schen, weil er dann die Rä­der nicht mehr selbst an­trei­ben kann. Seine Bei­ne tun bei die­sen Tem­pe­ra­turen ein­fach nicht mehr, was er will. "Ich ver­glei­che das mit ei­nem fern­ge­steuer­ten Auto", sagt er. "Die Rei­fen dre­hen sich, der Motor funk­tio­niert, aber die Fern­steue­rung funk­tio­niert nicht." Acht von zehn MS-Pati­enten lei­den an die­sem Uhthoff-Phäno­men, das die Symp­tome ihrer Krank­heit bei Hitze verstärkt.

Und die Tage, an denen Mex quasi unter Hausarrest steht, werden mehr und mehr. Frü­her konnte er im Früh­ling noch raus, jetzt ist es da meis­tens auch schon zu warm. So rich­tig auf­at­men kann er erst ab Ok­to­ber. Weil die Erd­er­hit­zung für M. wie eine Fuß­fes­sel wirkt, klag­te er, stell­ver­tre­tend für al­le Men­schen, die Repu­blik: Die Re­gie­rung tue zu wenig ge­gen die Klima­krise. Vor zehn Ta­gen hat der Euro­pä­ische Ge­richts­hof für Men­schen­rechte sei­ne Klage als prio­ri­tär ein­ge­stuft, er wird sie also frü­her behandeln.

Auch anderen chronisch Kranken geht es mit steigenden Tempera­turen schlech­ter: Wer an der Lun­gen­krank­heit COPD lei­det, hat noch mehr Atem­be­schwer­den. Bei Herz­kran­ken steigt das In­farkt­risi­ko, bei Dia­be­ti­kern kann die In­sulin­steue­rung ent­glei­sen. Ge­fähr­li­cher ist die Hitze auch für Schwan­gere, Babys und Klein­kinder und für ge­brech­liche Men­schen, die al­lein und so­zial iso­liert in heißen Woh­nungen leben.

Verwirrt auf der Notfallstation Bei Hitzewellen landen vor allem Ältere bei Harald Herkner in der Not­fall­kli­nik: "Sie kön­nen nicht mehr so gut schwit­zen, ha­ben ein an­de­res Durst­ge­fühl und be­mer­ken oft gar nicht, dass sie aus­trocknen. Dann ver­sagen die Or­gane, sie kön­nen ge­rade noch die Ret­tung ru­fen oder blei­ben hilf­los in ihrer Woh­nung liegen."

Oft genüge eine Infusion, aber: "Gerade bei älteren Menschen ist der Wechsel des Um­felds im Kran­ken­haus dann oft ein Rie­sen­problem. Der alte Men­sch, viel­leicht de­ment, wacht im Kran­ken­haus auf, kennt sich nicht aus und be­ginnt in der Nacht un­ru­hig zu wer­den." Durch einen Delir, eine plötz­liche star­ke Ver­wirrt­heit, kann sich der Ge­sund­heits­zu­stand sehr stark ver­schlechtern.

Zahlen zur hitzebedingten Übersterblichkeit nach Alters­grup­pen sind rar, es gibt sie je­doch für den ex­trem heißen Som­mer 2003 in Deut­schland. Dem­nach "nahm die Mor­ta­li­tät in der ers­ten August­hälf­te bei den 60-bis 70-Jäh­ri­gen um 66 Pro­zent zu, bei den 70-bis 80-Jäh­rigen um 100 Pro­zent und bei den über 90-Jäh­rigen so­gar um 146 Pro­zent". Herkner for­dert, die Akut-und Not­fall­ver­sor­gung "klima­fit" zu ma­chen; es brauche eine ei­gene Aus­bil­dung. Schließ­lich wird sich die Zahl der über 65-Jäh­ri­gen in den nächs­ten zehn Jah­ren ver­doppeln.

Babys allein im Auto Für ein Baby oder Kleinkind kann Hitze schnell gefähr­lich wer­den, da sein Kör­per die Tempe­ra­tur noch nicht so gut regu­lie­ren kann. Säug­linge sollte man nicht der direk­ten Son­ne aus­setzen.

Unterschätzt wird das Risiko, wenn ein Kind allein im Auto zurück­bleibt: Schon bei einer Außen­tempe­ra­tur von 24 Grad kann sich das Auto­innere in ei­ner hal­ben Stun­de auf über 40 Grad Cel­sius auf­hei­zen. Bei Kin­dern kann die Kör­per­tempe­ratur dann in­ner­halb von Mi­nu­ten so hoch­schnel­len, dass es gefähr­lich werden kann.

Am 30. Juli des Vorjahres musste deswegen in Oberöster­reich ein 14 Monate alter Bub ins Spi­tal. In Israel starb im April ein Drei­jäh­riger im Auto an Hitze­schock und Ende Juni ein acht­jäh­ri­ges Mäd­chen im US-Bun­des­staat North Caro­lina: Es war drei­ein­halb Stun­den bei bis zu 34 Grad Außen­tempe­ra­tur al­lein im Auto.

"Auch wenn man vorhat, nur kurz etwas zu besorgen oder das Kind gerade so schön schläft, sollte man bei som­mer­li­chen Ver­hält­nis­sen nie­manden in ei­nem in der Son­ne ge­park­ten Fahr­zeug ein­ge­sperrt zu­rück­las­sen", warnt der ÖAMTC.

Das gelte auch für Tiere: Regelmäßig erleiden auch im Pkw "geparkte" Hunde einen Hitz­schlag. Be­merkt man ein bei Hitze ein­ge­schlos­senes Klein­kind oder Tier, sol­le man ver­su­chen, den Len­ker aus­fin­dig zu ma­chen, andern­falls die Poli­zei ver­stän­digen - und not­falls die Schei­be ein­schlagen.

Jetzt kracht 's Eltern "vergessen" ihre Kinder einer kanadischen Studie zu­folge dann im Auto, wenn sie ge­stresst oder müde sind oder ihre Tages­rou­tine sich ge­än­dert hat. Hitze knab­bert eben nicht nur an un­se­rer phy­si­schen Leis­tungs­fähig­keit, son­dern auch an der kogni­ti­ven und psy­chischen.

"Es gibt Studien, wonach bei einer permanenten Hitzesituation ohne Er­holung in der Nacht ver­mehrt Kon­flikte ent­ste­hen", er­klärt Oliver Opatz, der am Charité-Insti­tut für Phy­sio­logie zu ex­tre­men Um­wel­ten forscht, "weil unser ve­ge­ta­ti­ves Ner­ven­sys­tem uns Kampf­mo­dus sug­ge­riert." Die­sen Mo­dus merkt je­der, der sich bei Hitze auf die Straßen wagt. Laut dem Kura­to­rium für Ver­kehrs­sicher­heit kracht es dann öf­ter: An Ta­gen ab 30 Grad steigt die Zahl der Ver­kehrs­un­fäl­le mit Per­so­nen­scha­den um ein Vier­tel, wie eine Ana­lyse der Un­fälle im Jahr 2021 ergab. Die Un­fall­ur­sache "Un­acht­sam­keit/Ab­len­kung" klet­terte so­gar um 36 Proz­ent nach oben.

Auch Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen haben in solchen Phasen mit ver­stärk­ten Symp­tomen zu kämp­fen, weiß Hans-Peter Hutter: "Etwa bei de­pres­si­ven Ver­stim­mun­gen und Demenz, bei Schizo­phre­nie und bipo­la­ren Stö­rungen. Hier gibt es öfter Kran­ken­haus­auf­nah­men." Laut US-Stu­dien steige auch die Zahl der Fälle von Sub­stanz­miss­brauch, Sui­ziden und Gewalt­delikten.

Ende eines Rennens Am 29. Juni werden beim Start der Tour de France in Florenz be­reits 36 Grad ge­mes­sen. Die Sprint-Le­gen­de Mark Caven­dish muss sich we­gen der Hitze schon bald über­geben, fährt aber weiter. Kol­lege Michele Gazzoli ist ge­zwun­gen auf­zu­geben: Er lan­det we­gen eines Hitz­schlags im Spital.

Der Notfallarzt Harald Herkner hat schon öfter "drama­tische Fälle" über­hitz­ter Rad­renn­fah­rer und vor al­lem Mara­thon­läufer be­han­delt. "Ist es am Tag des Mara­thons sehr heiß und kommt di­rekte Son­nen­ein­strah­lung da­zu, dann se­hen wir eine hohe Zahl von schwer be­ein­träch­tigen Läu­fern, teil­weise so­gar mit Todes­fäl­len. Man­che sind schon mit so stark er­höh­ter Kör­per­tempe­ra­tur zu uns ge­kommen - und wa­ren nicht mehr zu retten."

Was tun?

Zum einen ist die Politik gefordert: Gesundheits­minister Johannes Rauch (Grüne) hat im Juni den neuen Natio­na­len Hitze­schutz­plan prä­sen­tiert. Der schreibt fest, was Bund, Län­der, Geo­Sphere Aus­tria so­wie Ge­sund­heits-und Sozial­ein­rich­tun­gen bei großer Hit­ze zu tun ha­ben. Klima­for­sche­rin Chloe Brimi­combe von der Uni Graz sieht da­rin große Fort­schrit­te, ver­misst aber Plä­ne zur Hitze­vor­sor­ge und -anpas­sung, etwa für Ab­kühl-Ein­rich­tun­gen und die Gratis­ab­gabe von Wasser.

Und was kann jeder einzelne tun? Vor allem: alles lang­samer an­gehen, genug trin­ken. Körper­liche An­stren­gung wäh­rend der heißes­ten Stun­den mög­lichst ver­mei­den, statt­des­sen auf den frü­hen Mor­gen oder Abend ver­legen. Zu die­sen Zei­ten auch lüf­ten, tags­über die Fens­ter schließen und die Räume ab­dun­keln. Außen­ja­lous­ien wir­ken viel bes­ser als Innen­jalousien.

Sehr starke Kopfschmerzen, anhaltendes Erbrechen oder hohe Körper­tem­pe­ra­tur sind Zei­chen eines Not­falls: so­fort die Ret­tung unter 144 ver­stän­di­gen. Be­trof­fene rasch aus der Sonne brin­gen und mit feuch­ten Tü­chern, be­son­ders am Kopf und im Nacken, kühlen.

Ebenso wichtig: Vorbeugend mit Arzt oder Ärztin besprechen, ob Medi­ka­mente wäh­rend Hitze­wel­len an­ders ein­zu­neh­men sind. Be­son­ders auf kran­ke, psy­chi­sch be­ein­träch­tig­te und al­te Men­schen ach­ten - "ge­rade die Ver­wund­bars­ten se­hen sich nicht gern als ver­wund­bar", so Brimi­combe. Mit Al­lein­le­ben­den ver­ein­baren, dass täg­lich je­mand vor­bei­schaut oder an­ruft.

Notfallarzt Herkner: "Passt auf euch selber auf, passt aufeinander auf."

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